Ich war durchaus überrascht und fühlte mich vor allem immens geschmeichelt, als mich in meinem Lieblingscafé ein älterer Herr ansprach, ob ich denn der weltberühmte Schreiberling Canary sei. Er hatte meine Kaffeehausgeschichten mit viel Vergnügen gelesen und würde mir gerne anbieten, dass ich in der ortsansässigen Seniorenresidenz eine Lesung absolvieren könnte. Selbstverständlich nahm ich die Offerte an und somit stand meinem Bühnendebüt nichts mehr im Weg.

Vorstellungsbeginn

Der Veranstaltungssaal war sehr hübsch adventlich dekoriert und bis auf den letzten Platz besetzt. Auf den Tischen waren Teller mit vorweihnachtlichen Köstlichkeiten angerichtet. Ich saß hinter einem Tisch auf einer kleinen Erhöhung, die optimistisch betrachtet als Bühne bezeichnet werden konnte. Der Organisator – Herr Obermaier – präsentierte mich mit ein paar einleitenden Worten und nahm danach in der ersten Reihe Platz.

Zu Beginn stellte ich mich kurz vor: „Gestatten Sie – mein Name ist Charles Canary“. Aufgrund meiner Nervosität und Unsicherheit hatte ich wohl etwas zu leise gesprochen. Denn umgehend wurde aus einer der hinteren Reihen gerufen: „Charles wer?“ Und noch bevor ich meinen üblichen und etwas umständlichen Erklärungsversuch starten konnte, kam es zu einem Zwischenruf aus der ersten Reihe: „irgendwas mit Vögeln“. Die Resonanz bestand aus einem Raunen und Kichern. Ich nahm zur Kenntnis, dass der erste Live-Lacher meiner Bühnenkarriere tatsächlich auf das Konto eines Zuschauers ging, ignorierte den schmachvollen Start und fuhr scheinbar unbeirrt fort, indem ich einige meiner Texte vortrug.

Intermezzo

Zur Auflockerung hatte ich mir vorgenommen zwischendurch etwas Kontakt mit der Menge aufzunehmen. Ich schlug also vor, dass wir als kurzes Intermezzo ein Improvisationsstück aufführen könnten. Eine Hauptrolle wäre eine Figur, die an der schrecklichen, alten Tyrannin aus dem Altenheim in Michel von Lönneberga angelehnt sein sollte. Es gab ein paar gut gemeinter Vorschläge, die von den Auserkorenen nicht unbedingt mit Dankbarkeit erwidert wurden. Nach weiteren Zwischenrufen – zuerst witzig, dann vermehrt hitzig – wurde schnell klar, dass die Stimmung kippen könnte, da die klassischen gruppendynamischen Mechanismen natürlich auch unter älteren Menschen greifen. Ich rettete die Situation, in dem ich den Aufruhr mit einem Woody Allen-Klassiker unterbrach: „es gibt nichts Komisches am Altern, außer für die anderen“. Nun konnte sich die Gruppe auf mich als Feind einigen.

Physik

Nach der Fortführung der Lesung zur Beruhigung der Lage streute ich eine halbspontane, wissenschaftlich angehauchte Nummer ein. In Form einer überschlägigen Nebenrechnung erörterte ich am beispielhaften Lebenslauf eines Senioren den geschätzten, verursachten CO2-Konsum und deutete grob die Auswirkung auf den Klimawandel an. Die Pointe, dass CO2-Hinterlassenschaften im Gegensatz zu Erbschaften und Schenkungen allerdings (noch) steuerfrei wären, resultierte in einem blitzsauberen Eigentor. Per Handzeichen meldete sich ein Herr aus der zweiten Reihe und stellte sich als pensionierter Physiklehrer vor. Er pulverisierte das Ergebnis meiner Berechnung mit ein paar Sätzen, die mich im Nu als Luftschläger enttarnten. Die Tonart seiner Belehrung wechselte von gekränkt zu verärgert und dann vernahm ich noch den Satzteil „mein Spezialgebiet ist eigentlich die Ballistik“. Und im nächsten Moment wurde ich von einem Schokoladendominostein am Kopf getroffen. Meinen trotzigen, übermütigen Konter, dass ich es toll finde, dass dank der hervorragenden Fitnessprogramme der Krankenkassen selbst im hohen Alter noch eine gewisse Sportlichkeit derartige Wurfleistungen ermögliche, konnte allerdings nur als Provokation verstanden werden. Im Anschluss hagelte es Mandarinen, Spekulatius und sogar einen angebissenen Schokonikolaus.

Kapitulation

Als ich erkannte, dass mein Fluchtweg mit Rollatoren zugeparkt worden ist, simulierte ich einen offenen Schnürsenkel und verzog mich unter den Tisch. Ein nahezu unbenutztes weißes Stofftaschentuch wedelnd wagte ich mich nach einiges Minuten wieder aus meiner Deckung. Organisator Obermaier wurde als Unterhändler an meinen Tisch gesandt. Nach kurzen, heftigen Verhandlungen einigten wir uns auf einen Kompromiss. Ich durfte noch zwei Texte vorlesen und danach würden wir zusammen noch Adventslieder singen. So kam es, dass ich mich zum Abschluss in der Rolle des Sängerknaben wiederfand.

Zuhause angekommen bat ich umgehend meinen „Agenten“ (=Mitbewohner) mein Künstlerprofil zu ergänzen: „Bei Bedarf auch musikalische Einlagen im Repertoire“ und „Erfahrungen mit dem Stilmittel der Provokation“.

Erkenntnis: Vom Himmel hoch, da komm ich her. Ich muss Euch sagen: aller Anfang ist schwer.
Oder so: jeder Meister fällt mal vom Himmel.

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Beitragsbild von Filipe Gomes