Vorhang auf zum zweiten Akt. Im Zwischenspiel als ein wesentlicher Teil eingeführt: die Verwaltung als Teil des Gehäuses der Uhr.

Wenn wir uns der Verwaltung aus der Vergangenheit nähern, dann denken wir womöglich an einen Bienenstock. Emsig und fleißig wimmelt es im gesamten Staat. Jedes einzelne Amtsbienlein vollbringt in einer nahezu stoischen Art und Weise seine Aufgabe. Die Kombination aus Verlässlichkeit und Präzision garantiert eine möglichst konstant gleich gute Leistung. Die persönlichen Erfahrungen im Umgang mit den Verwaltungsbienen sind größtenteils geprägt von dieser positiven Monotonie. Böse Überraschungen wie unnötiger Papierkram oder schier endlose Wartezeiten treten auf wie vereinzelte Stiche – meistens verursacht durch missverständliches Verhalten auf beiden Seiten. Der Bürger verhält sich dann wie ein Kunde oder gar ein Konsument von Leistungen. Die Verwaltungsbiene sieht in dem Gegenüber einen Eindringling. Einen Störenfried.  Doch wie bereits erwähnt handelt es sich dabei um einzelne, seltene negative Erlebnisse.

Doch nun kommt da eine Pandemie daher. Eine willkommene Gelegenheit zur Innovation – ohne zugeben zu müssen, dass sich vorher der Veränderungswille eher auf die turnusmäßige Neubestellung von andersfarbigen Textmarkern beschränkt hatte. Mr. Gates und die Google-Heinis können sich warm anziehen, wenn aus dem schlummernden Amtsschimmel eine Herde kaum zu bremsender sich hochdigitalisierender Bürohengste/innen wird.

So kam es, dass auch ich mich plötzlich mittendrin im verwaltungstechnischen Strudel der Modernisierung befand. Der Reihe nach. Ich war begeistert von der glorreichen Idee, dass sich der Bürger für eine Erledigung auf dem Amt nun auch online einen Termin buchen konnte. Reduzierte Kontakte, Verringerung von Wartezeiten und optimierte Planbarkeit für das Amt. Ich konnte mich auch ungefähr vier Wochen später noch an die gelungene Transaktion auf dem Amt erinnern und war doch etwas überrascht, als ich eine telefonische Anfrage erhielt, ob ich in diesem Zusammenhang für einen Pressetermin zur Verfügung stehen würde. Scheinbar war ich der erste Nutzer der neuen Online-Buchungsplattform. Vermutlich resultierend aus der verbliebenen positiven Grundstimmung willigte ich ein und schon ein paar Tage später fand der besagte offizielle Termin statt.

Die Freudetrunkenheit der anwesenden Personen war so ansteckend, dass ich ebenfalls auf Anhieb von einer inneren Glückseligkeit ergriffen wurde. Doch die Pandemie hatte selbst bei diesem Anlass seine Finger im Spiel. Leider musste der obligatorische Auftritt der Blaskapelle entfallen. Aufgrund der Vielzahl an teilnehmenden Personen und des erforderlichen Abstands musste das Pressefoto aus erheblicher Entfernung geschossen werden, so dass die Inschrift „Digitalisierungsmeister“ auf der eigens angefertigten Schärpe des Amtsleiters beim Betrachten des Bildes in der Zeitung wohl nur mit einer Lupe zu entziffern sein wird.

Um mein Gewissen zu beruhigen, raunte ich dem anwesenden Journalisten im Vorbeigehen kurz zu, dass die tatsächliche Bestätigung des Amtstermins per E-Mail eigentlich nicht funktioniert hatte, aber nach ein paar Telefonaten konnten sich die beiden involvierten Seiten dann erfolgreich auf einen Termin einigen. Just in dem Moment ertönten die organisierten Böllerschüsse und so konnte der Schreiberling die Gefährdung seiner Titelstory über das „digitale Leuchtturmprojekt“ geflissentlich überhören.

Nach drei ausgelassenen Stunden schlenderte ich mit einem Geschenkkorb gefüllt mit kommunalen Werbeartikeln und mit einem verkehrsschildgroßen Gutschein über die Annullierung von drei Strafzetteln für Falschparken unterm Arm vergnügt nach Hause.

Und die Moral von der Geschichte: ein kleiner Klick für mich – ein großer Klick für die lokale Stadtverwaltung. Tja, eine der bisherigen Lehren aus der Pandemiebewältigung ist, dass die positiven Eigenschaften unseres Verwaltungsapparats in manchen Situationen nicht ausreichen, um die vereinzelten Schwächen zu kaschieren. Besagte Instrumente zur Buchung von Terminen über das „Neuland“ Internet nutzt der Tennisclub in Niederoberdümpelhausen seit Jahren. Zeitgemäße Arbeits- und Kommunikationsmittel dienen nicht nur für abendfüllende Diskussionen über Industrie 4.0 in Talk Shows oder als fetziger Titel für ein Seminar zur Ablenkung der Mitarbeiter von Forderungen nach Gehaltserhöhungen.

So jetzt aber – Vorhang zu. Es gäbe da schon noch ein paar weitere Ansatzpunkte zum Thema Verwaltung, doch ich halte mich da – mal wieder – an Markus Söder. Im SZ-Interview verwies er auf Paulchen Panther: „…ich komme wieder, keine Frage.“ Die Deutung obliegt in beiden Fällen dem Leser. Eine Drohung? Ein Versprechen?