Charles Canary blättert in der Fernsehzeitung und erhascht einen Blick tief hinein in die Volksseele.

Dazu kommen wir nochmal zurück auf die „German Angst“. Dieses Mal bezogen auf das Fernsehprogramm. Vorsicht als Mutter der Flimmerkiste. Keine Sorge – es liegt mir fern nach Helene Fischer nun mit dem Traumschiff das nächste nationale Antidepressivum aufs Korn zu nehmen. Der regelmäßige Konsum von Palmen und Tempeln garniert mit lockerflockigen Herzschmerzepisoden befriedigt die diametrale Sehnsucht nach Abenteuerlust und Entspannung. Statt zu Chips und Bier wird zu Globuli und Kräutertee auf der Couch gekuschelt.

Ab und an besteht dann doch das Bedürfnis auf etwas Nervenkitzel. Dafür wurde die wöchentliche TV-Reihe „Tatort“ geschaffen. Selbst dabei wird allerdings mit den Zutaten Spannung oder gar Gewalt behutsam umgegangen. Der kriminalistisch meistens überschaubare Handlungsstrang wird mit allerlei Nebengeschichten unterfüttert. Wie beim Zauberwürfel werden allwöchentlich gesellschaftliche Strömungen zu einem Mix aus Allerweltsblues und schicksalhaften Absurditäten kombiniert.

Kein Witz – Haralds Großcousin hat jahrelang die Lindenstraße mit dem Tatort verwechselt und sich mehrmals per Brief bei der ARD beschwert, dass es nur einmal im Monat einen Toten gibt. Immerhin wurde daraufhin die Lindenstraße – aufgrund Redundanz – aus dem Programm gestrichen.

Ein besonderes Merkmal des Tatorts ist der regionale Bezug. Dieser wird gerne kulinarisch hergestellt. Nach dem Motto: „wessen Wurst ich ess, dessen Tatort ich schau“. Selbst beim Tathergang dient die Regionalität als Vorlage. Im Weinbottich zerstückelte Leichenteile werden zur Spätlese verarbeitet. Oder – das Opfer wird auf dem Oktoberfest im Rausch mit einem steinharten Lebkuchenherz erschlagen und die beseitigte Leiche tourt mit der Geisterbahn noch wochenlang von Volksfest zu Volksfest.

Der Dialekt eignet sich ebenfalls hervorragend, um eine Verbindung zum Zuseher aufzubauen. Sprachlicher Lokalpatriotismus. „Wir Mundartschwätzer, wir halten zusammen.“ Nebenbei werden gezielt Urlaubsgefühle geweckt: „gell Hartmut, der Mörder spricht a so ein schönes Pfälzisch, da fahren wir mal in den Urlaub hin“. Es fehlt eigentlich noch der Tatort auf Mallorca. Kommissare ermitteln im Erholungsurlaub. Sangria am Strand statt Pils in der Stehkneipe. Da ist es nicht mehr weit zum… Tatort auf dem Traumschiff!

Wir kommen nochmal zurück zu den hiesigen Fernsehgewohnheiten und dem zugrundeliegenden Vorsichtsprinzip. Nehmen wir zum Vergleich das Mutterland des großen Kinos. USA. Hollywood. Auch dort finden sich die gesellschaftlichen Grundwerte in den Filmen wieder. Das Streben nach Glück. Ein Allzeithoch auf das Happy End. Optimismus in nuklearen Dosen. Jeder nimmt sein Schicksal in die eigene Hand – oder eben Waffe. Das findet sich dann auch auf der Leinwand wieder. Bruce Willis oder Tom Cruise ballern wild um sich und erledigen in zehn Filmsekunden mehr Gangster, als ein Tatort-Kommissar in seinem Leben Mücken erschlägt. Wohlgemerkt – eher mit der moralischen Fliegenklatsche. Ein herrliches Bild: Tatort-Kommissar predigt leidenschaftlich, übersieht wie die Mücke die weiße Fahne hisst und schlussendlich rafft es die Mücke dann dahin. Todesursache: „Überdosis moralischer Pazifismus“. Die letzten Worte der Mücke: „Bruce Willis hätte mich mindestens erschlagen, wenn nicht sogar erschossen“.

Teilen:

Direkt im Anschluss an den Text findet Ihr die „Knöpfe“ zum Teilen des Beitrags in den verschiedenen Medien/Netzwerken. Vielen Dank!

Folgen:

Im Rahmen der Kommentarfunktion kann die Benachrichtigung über neue Beiträge aktiviert werden.

Beitragsbild:

Danke für das Foto von Rene Asmussen