Zwischen Eilnachrichten und Kaffeetasse wagen Charles und Harald heute eine philosophische Standortbestimmung. Ein Diskurs über das Werden, das Vergehen und den sehr überschaubaren Stellenwert unserer Gegenwart.

Harald: Unfassbar! Schau dir diese Ticker-Meldungen an, Charles. Wahlerfolge der Ränder, der Konflikt mit Russland spitzt sich weiter zu, die Wirtschaft kriecht auf dem Zahnfleisch… Wir steuern mit Vollgas auf den Abgrund zu! Und du sitzt da und trinkst seelenruhig deinen Kaffee?!

Charles: Mein lieber Harald, was du da auf deinem fünf Zoll großen Display beobachtest, ist nichts weiter als das übliche Grundrauschen der Existenz. Ich lese gerade ein Standardwerk über die Anthropologie der Menschheit.

H: Schön für dich! Während du in der Steinzeit schwelgst, kollabiert draußen die Gegenwart!

C: Genau das ist dein Denkfehler. Weißt du, wie viel Platz das Epochendrama zwischen dem Aussterben des Neandertalers und dem Siegeszug des Homo Sapiens in diesem 1000-Seiten-Schmöker einnimmt? Genau zwei Zeilen. Zwei Zeilen für locker zehn Millionen Jahre, Harald! Da wurden Eiszeiten durchlebt, Kontinente verschoben und ganze Arten ausgelöscht – und der Historiker fasst das zusammen mit: „Es folgte eine Phase dynamischer Anpassung.“

H: Und was hat das bitte mit unserer Rentenreform und der geopolitischen Lage zu tun?

C: Absolut alles! Was glaubst du denn, wie ein Geschichtsbuch im Jahr 10.026 unsere heutige „Krise“ zusammenfassen wird? Glaubst du ernsthaft, da steht irgendwas von Sonntagsfragen, Sondervermögen oder den Befindlichkeiten von Parteivorsitzenden?

H: Na ja… vielleicht als Warnung für spätere Generationen?

C: Mache dir keine Illusionen. Unsere gesamte Epoche – inklusive Wahlergebnissen, Börsencrashs und Talkshow-Debatten – wird in der Erdgeschichte maximal ein kosmischer Pfurz sein. Ein winziger, vernachlässigbarer Wimpernschlag. Ein kurzes Husten der Evolution, bevor das nächste Zeitalter an- äh ausbricht.

H: Ein historischer Pfurz… Das ist einerseits erschreckend. Aber andererseits… irgendwie auch extrem beruhigend.

C: Siehst du? Entspannung durch anthropologische Größenwahnsinnskorrektur.

H: Und wie gehen wir in deinem Kosmos der Flatulenz mit dem täglichen Erleben, mit der spürbaren Wahrhaftigkeit um? Sowas Ordinäres wie Inflation? Oder welterschütternd wie das Ergebnis eines Fussballspiels?

C: Auch hier passt die Analogie. Manchmal duftet es. Gar lieblich. Und manchmal stinkt es. Gewaltig. Aber halt nur für ein paar Momente. Also dann – Prost! Auf die nächsten 100 Millionen Jahre!

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